Das große Auswendiglernen – kurz Anatomie #1

Anatomie ist ein sehr großes Lernfeld. Am gruseligsten ist der Anfang, wenn man noch keine Idee hat, wie man da eigentlich herangehen soll. Wenn du gerade da bist, kann dir dieser Beitrag vielleicht helfen. Jeder von uns ist anders. Ich lerne garantiert anders als du es tust. Ich versuche daher eher einen allgemeinen Überblick darüber zu geben, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt und dich so zu inspirieren. Für den Fall, dass es dich interessiert, werde ich dir aber auch verraten, wie ich das selbst mache.

1. Wofür?

Brauchst du Anatomie fürs Studium, für die Ausbildung (Gesundheits- und Krankenpfleger, OTA, MTA, usw.), als Maler oder einfach so, weil du der totale Geek bist. So wie ich zum Beispiel. Ich mache die Ausbildung eigentlich nur, damit ich eine Ausrede habe, Anatomie zu lernen. Spaß beiseite. Es soll Leute geben, die finden das Fach einfach sehr interessant, weshalb sie sich damit auseinandersetzen. Kann sehr inspirierend sein. 🙂

Für’s Medizinstudium wirst du wohl in den sauren Apfel beißen müssen und sehr detailiert lernen. Klar, es gibt unglaublich krasse Details, die kannst du dir für deinen Facharzt aufsparen. Aber du solltest schon einiges verstehen, damit ich dir als Patient mein vertrauen schenken kann.

Für eine Ausbildung in einem Gesundheitsfachberuf wird dir wohl ein guter Überblick genügen. Du solltest dich mit allen Organsystemen auseinandersetzen und die großen Zusammenhänge verstehen. Vielleicht wirst du bei Bedarf einzelne Aspekte genauer nachschlagen und mit zunehmender Spezialisierung auf bestimmten Gebieten detailierter eintauchen. Doch du kannst erst mal etwas sparsamer vorgehen als die Studierenden.

Als Maler brauchst du Oberflächenanatomie. Orientierungslinien und ähnliches sind dabei genauso wichtig, wie die Muskeln und Knochen, wenn du proportional korrekt zeichnen Möchtest. Ich kenne Concept Artists, die entwerfen Fantasiewesen. Trotzdem hilft ihnen die Anatomie, Ergebnisse zu erzielen, die irgendwie realistisch wirken. Ihr wisst schon, was ich meine. Drachen existieren nicht wirklich. Sie kommen mir in Harry Potter trotzdem sehr überzeugend vor. Wir wissen alle, da ist viel Spielraum nach unten.

Wenn du wirklich Anatomie aus wissenschaftlicher Neugierde ohne direktem Anwendungsbezug lernen willst, dann gibst du die Inhalte ja sowieso selbst vor.

2. Wie viel?

Man muss wohl dem Prinzip der Ökonomie folgend festhalten, soviel wie nötig und so wenig wie möglich. Aber irgendwie stimmt das auch nicht so ganz. Ich habe ja gerade ausgeführt, dass das „Wie viel“ abhängig von dem „Wofür“ ist. Jetzt kommt noch ein Aspekt dazu. Dein Lerntyp. Wie tickst du? Fährst du gut, nach dem Minimalprinzip zu handeln? Für manche funktioniert das. Gerade Personen, die am besten stur auswendig lernen können. Für diese Menschen ist das Drumherum nicht unbedingt bedeutsam. Einfach wiederholen, dann wiederholen und am Ende wiederholen.

Ich ticke anders. Je mehr Zusammenhänge ich zwischen verschiedenen Fakten herstellen kann, je besser kann ich es mir merken. Außerdem habe ich mal die Erfahrung gemacht, dass ich ein Teil des gelernten sowieso wieder vergesse. Ich lerne immer ein bischen mehr, als ich am Ende brauche. Dadurch schaffe ich auch bei den Themen, die zwar am Rande meines Lernfeldes liegen, aber immer noch wichtig sind Verknüpfungen.

3. Wie schnell muss es gehen?

Hier kommt die Einschränkung des Mehr-Lernens. Egal wie motiviert du bist, wenn du keine Zeit hast, hast du keine Zeit. Basta! Deshalb achte auch darauf, bis wann du dein Ziel erreicht haben musst.

Beispiel. In 14 Tagen schreibst du eine Klausur über das Atmungssystem. 7 Tage später, du beschäftigst dich gerade mit dem Kehlkopf. Stimmbänder, Epiglottis, usw. Sitzt schon ganz gut, aber irgendwie hast du das Gefühl, dass müsstest du noch festigen. Du hast die Lunge aber noch gar nicht so richtig abgehandelt. Dann mache lieber weiter.

Um sich hier nicht zu verrennen, kann übrigens folgende Vorgehensweise bei einer Deadline helfen.

  1. Überblick verschaffen und alles überfliegen, was du brauchst.
  2. Das ganze in Teilabschnitte zerlegen, die voraussichtlich in etwa gleich viel Zeit erfordern.
  3. Einen realistischen Zeitplan aufstellen. Pro Teilabschnitt mindestens je ein Block zum Lernen und je einen zum Wiederholen.
    • Der Zeitraum muss lang genug sein, damit du auch wirklich was schaffen kannst. Lieber eine Stunde als 10 Minuten.
    • Der Zeitraum muss so kurz sein, dass du dich die ganze Zeit über konzentrieren kannst. Lieber zwei Stunden als ein halber Tag.
  4. Dann platzierst du die Blöcke in deinem Leben, sodass sie gut in die Zeit passen. Sie sind jetzt verpflichtende Termine.
  5. Plane zwei Tage vor der Klausur als Reserve. Wenn du bereits alles geschafft hast, kannst du dir nun nochmal einen Überblick verschaffen und alles knackig wiederholen.

4. Das richtige Mind-Set

Motivation ist ein unglaublich großer Trigger für unser Gedächtnis. Du kannst noch so Diszipliniert lernen, wenn du eigentlich keinen Bock hast.

Negative Verstärkung im Sinne einer Leistungsabfrage ist leider nicht die Art Motivation, die da hilft. Der Druck kann sehr wohl positiv sein. Manche brauchen ihn regelrecht. Eben für deine Disziplin. Doch er hilft trotzdem nicht, sich Dinge besser merken zu können.

Wenn du wirklich sehr interessiert bist an Anatomie, ist das dein großer Vorteil. Ansonsten finde einen Weg, dich zu begeistern. Das kann grundsätzlich nicht schaden. Wenn du erwachsen bist, wirst du sowieso nicht mehr so häufig von außen motiviert. Also nutze die Gelegenheit jetzt und lerne dich selbst zu motivieren. Das geht. Auch bei Anatomie.

Finde Zusammenhänge, die dich interessieren. Mache dir die Anwendung bewusst und wozu du es daher brauchst. Der menschliche Körper ist ein faszinierendes Bauwerk. Meterlange Nerven, die in Millisekunden Signale übertragen und ein Bewegungsapparat, der ein statisches Meisterwerk ist. Außerdem: Je besser du Anatomie verstehst, je besser verstehst du dich selbst. Denke mal darüber nach.

5. Topografische, Funktionelle, Systematische Anatomie?

Wir bestehen aus…

  • Knochen
  • Muskeln
  • Nerven
  • Arterien
  • Venen
  • Lymphgefäßen
  • Organen
  • Bänder

Man kann den Körper unterteilen in

  • Regionen
  • Linien
  • Ebenen
  • Hohlräume

Egal, wie ihr am Ende, im Sinne der folgenden Varianten, ihr lernt. Tut euch den gefallen und verschafft euch erst einen Überblick; lernt die Grundlagen. Das macht es wesentlich einfacher. Terminologisch gibt es viele Wiederholungen. Anatomie ist wie eine Sprache.

Zu den Grundlagen gehören meiner Meinung nach Richtungs- und Lageangaben, Oberflächenanatomie zu Mann und Frau, Bewegungsarten und Regionen an Rumpf und Extremitäten. Wenn ihr das zu nächst verinnerlicht, versteht ihr auch, wenn euch jemand etwas zur Anatomie erklärt.

Nach Regionen lernen

Du fängst z.B. mit dem Rumpf als zentralen Ausgangspunkt an. Immer noch ein sehr großer Bereich nicht wahr? Dann grenzen wir also noch weiter ein. Wie wär’s mit der Regio vertebralis. Hier liegt die Wirbelsäule. Lerne jetzt die Wirbel, die Gefäße, Nerven, Bänder. Gehe z. B. von Kopf bis zum Becken vor. Wir kommen wieder auf das Thema „Wie viel“. Hast du entschieden Muskelansätze mitzulernen oder von welchen Nerven die Muskeln innerviert werden? Dann wirst du nicht drumherum kommen jetzt schon ein ganz bischen vom Schädel und restlichen Rumpf zu lernen. Alles ist schließlich miteinander verbunden.

Auf die gleiche Art kannst du später erst die Leber und dann den Magen lernen, o. ä. Doch überdenke, ob es für dich nicht sinnvoll ist immer zu einem Bereich weiterzugehen, der sich an bereits gelernten Regionen anschließt. Springe nicht vom Becken zum Kopf. Dann beschäftige dich lieber erst mal mit dem Brustraum und dann mit dem Hals.

Nach Organsystemen lernen

Du nimmst dir nach und nach unsere 10 Organsysteme vor. Oder die davon, die sich hierfür anbieten. Das System Haut lässt sich schlecht auf Anatomie übertragen. Außer vielleicht im Rahmen der sensibel innervierten Bereiche, aber das könnte auch zum Nervensystem gehören.

Du lernst z.B. im Rahmen des Verdauungsystems Darm, Magen, Speiseröhre, Mund usw. Im Rahmen des Nervensystems lernst du Gehirn, Nerven, Wirbelsäule, usw. Im Rahmen des Immunsystems die Lymphgefäße, die Milz, usw. Die Zusammenhänge zwischen den Systemen stellst du dann automatisch nach und nach her, ohne dich primär darum zu kümmern.  Es kann natürlich auch hier sinnvoll sein, zwischen Systemen weiterzugehen, die sich eh schon überlappen, um es dir einfacher zu machen. Z.B oberer Verdauungstrakt und Atmungsystem.

Nach Geweben lernen

Mir ist hier leider kein besserer Titel eingefallen. Es soll Leute geben, die stupide nacheinander erst alle Knochen, dann alle Muskeln, dann alle Arterien gefolgt von den Venen, usw. lernen.

Dazu gibt es nichts zu erklären. Hierzu finde ich persönlich am wenigsten einen Bezug. Vielleicht gehörst du zu den Personen, für die das total gut funktioniert. Und darum geht es ja. Also teste es aus, wenn du meinst, das könnte was für dich sein.

Für mich persönlich funktioniert es am besten nach Regionen zu lernen. Ich habe ja shcon gesagt, dass mich das Fach sehr interessiert und ich es wahrscheinlich ohnehin lernen würde. Ich kenne außerdem bereits ein bisschen Anatomie von der Tätigkeit als Erste-Hilfe-Ausbilder und muss somit nicht bei Null starten.

Ich habe jetzt noch sechs Monate bis zum Ausbildungsstart und statt darauf zu warten, dass es losgeht, lerne ich einfach jetzt schon Anatomie und kann es dementsprechend ausführlich machen. Es wäre genauso legitim auf den Ausbildungsstart zu warten, und erst unter fachkundiger Anleitung und mit der Info, was man alles lernen muss, anzufangen. Ich will dir hiermit also kein schlechtes Gewissen einreden, wenn du auch vor der Ausbildung stehst und bisher nicht auf die Idee gekommen bist. 😉

Ich hoffe ich kann dem einen oder anderen hiermit helfen. Schreib gerne in die Kommentare, wenn du Fragen oder Ergänzungen hast.

Beste Grüße

DerOperateur



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